Statement der oXxymoron GmbH zur Diskussion über frühkindliche Bildung

 

Die bisherige Diskussion über Bildungsqualität in Kindertagesstätten ist inzwischen nahezu vollständig von einer quantitativ fokussierten Debatte über fehlende Kitaplätze und den Mangel an Fachpersonal verdrängt worden. Dies hat den Blick auf frühkindliche Bildung aus unserer Sicht stark eingeschränkt und zu manchmal „hilflos“ anmutenden, vor allem aber qualitätsmindernden Aktionen geführt, wie bspw. den Einsatz von Sozialassistent*innen.

 

Viele Jahre öffentlicher Diskussion über die Bedeutung frühkindlicher Bildung ließen eine veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung und Anerkennung von Kindertagesstätten als Bildungsorte erkennen, die nun fast vollständig in den Hintergrund gerät. Standards (Abitur als Voraussetzung für die Erzieherausbildung, Möglichkeiten des Einsatzes akademischer Fachkräfte in Kitas, Anhebung des Betreuungsschlüssels), die eingeführt wurden, um die Qualität frühkindlicher Bildung zu verbessern und die von vielen Fachkräften begrüßt wurden, werden inzwischen vor dem Hintergrund fehlender Kitaplätze zurückgeführt oder infrage gestellt. Träger werden dazu motiviert, den Fachkräftemangel durch Sozialassistent*innen und Quereinsteiger*innen zu kompensieren, ohne dabei die Frage zu stellen, wie sich die Qualität der pädagogischen Arbeit einer Kita verändert, wenn ein Drittel der Fachpersonalstunden durch Quereinsteiger*innen erbracht werden.  Was bedeutet eine solche Entwicklung für die ausgebildeten Fachkräfte und Kitateams? Was heißt das für Kinder und Eltern?

 

Die oXxymoron GmbH beschäftigt seit vielen Jahren Menschen in der berufsbegleitenden Ausbildung. Wir halten diese Form des Quereinstiegs für eine wertvolle Ressource, denn Quereinsteiger*innen können für Kitateams auch eine Bereicherung sein. Sie können neue Impulse in die Einrichtungen bringen und häufig fehlende pädagogische Ausbildung durch Lebenserfahrung und andere berufliche, persönliche oder kulturelle Kompetenzen und Erfahrungen kompensieren. Quereinsteiger*innen ersetzen aber keine qualifizierten Fachkräfte. Damit sie qualifizierte Fachkräfte werden können, brauchen sie neben guter schulischer Ausbildung vor allem Begleitung und Anleitung in der Praxis. Qualifizierte Anleitung bedeutet für uns mehr als die Bereitstellung von Zeit für Anleitung. Auszubildende sind praktisch in allen Tätigkeitsfeldern einzuweisen und anzuleiten. Dies bedeutet, Ausbildungsprozesse bewusst und transparent zu gestalten, die Auszubildenden am eigenen Wissen teilhaben zu lassen, Leistungen einzufordern, Leistungsprozesse zu begleiten und gemeinsam Ergebnisse zu beurteilen. Wenn aber nahezu jede Fachkraft einer Kita eine Quereinsteiger*in auf diese Weise begleiten müsste, dann hätte dies erhebliche Auswirkungen auf den pädagogischen Alltag und ist für uns ohne Verlust in der Qualität der pädagogischen Arbeit nicht vorstellbar. Zudem sind Quereinsteiger*innen häufig nur an drei Tagen in der Woche in der Kita tätig. Dies führt dazu, dass ihnen häufig Kontinuität und Überblick im Wochengeschehen fehlen. Dies muss von Anleiter*innen, Teammitgliedern und Kitaleiter*innen immer wieder berücksichtigt und durch gute Kommunikation und vorausschauende Planung ausgeglichen werden. Kinder benötigen verlässliche und kompetente Begleiter, die sie durch stabile und kontinuierliche Beziehungen in ihrer Entwicklung unterstützen. Je jünger die Kinder sind, desto aufmerksamer muss ein Wechsel der Bezugspersonen im Wochenrhythmus gestaltet werden, damit er von den Kindern nicht als verunsichernd erlebt wird.

 

Die berufsbegleitende Ausbildung von Erzieher*innen ist zudem oft eine Herausforderung für die Auszubildenden, um schulische, berufspraktische und familiäre Erfordernisse zu bewältigen und die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Die hohe Quote der Ausbildungsabbrüche zeigt, dass dies nicht immer gelingt.

 

Wünschenswert wäre deshalb eine Ausdehnung der berufsbegleitenden Ausbildung auf vier Jahre, um eine höheren Präsenzzeit in der Kita zu ermöglichen. Dies würde Kitateams, Anleiter*innen und Quereinsteiger*innen entlasten und stabilere Beziehungen zu und eine kontinuierlichere Begleitung von Kindern und Familien ermöglichen.

 

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Fachkräften mit akademischen Abschlüssen (bspw. Kindheitspädagog*innen, Heil- und Rehabilitationspädagog*innen), die im Tätigkeitsfeld Kita anerkannt sind und die für die wachsenden Herausforderungen der pädagogischen Arbeit im frühkindlichen Bereich eine große Bereicherung sind. Kindertagesstätten stehen bei der Anstellung dieser Fachkräfte in Konkurrenz zu höheren Vergütungsmöglichkeiten in Schulen, Frühförderstellen oder bei Arbeitgebern der Einzelfall- und Familienhilfe. Eine Zulage für Träger, die Personen mit diesen Abschlüssen beschäftigen, würde eine adäquate Bezahlung ermöglichen. Dies würde das Arbeitsfeld Kita und frühkindliche Bildung zum einen attraktiver machen. Zum anderen könnten Teams durch die hinzukommende Expertise professionell unterstützt und entlastet werden, insbesondere im Umgang mit beeinträchtigten Kindern oder Kindern und Familien in Belastungs- und Krisensituationen.

 

Eine individuelle Entwicklungsunterstützung, die sich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Kinder orientiert, erfordert von den pädagogischen Fachkräften eine regelmäßige Reflexion der Arbeit und eine kontinuierliche Teamentwicklung. Zeit und Geld für regelmäßige Supervisionsbegleitung, wie sie in vielen psychosozialen Kontexten üblich ist, könnte Kitateams an dieser Stelle unterstützen, die pädagogische Qualität weiterentwickeln und zur Gesunderhaltung von Fachkräften beitragen.

 

oXxymoron GmbH